G9 ja, aber nicht zu Lasten der anderen Schulformen!

Seit längerem wird in NRW darüber diskutiert, ob die in 2004 auf den Weg gebrachte Schulzeitverkürzung am Gymnasium zurückgenommen werden sollte. Es mehrt sich die Kritik an G8 in der praktizierten Form, dass nun aber die Inititaive „G9 jetzt“ mit einen Volksbegehren zu Lasten der anderen Schulformen das neunjährige Gymnasium einführen wollen, kann und darf nicht sein!

Um es vorweg zu sagen: Ich bin uneingeschränkt für die Rückkehr zu einem Gymnasium der Klasse 5 bis 10 sowie einer sich anschließenden Oberstufe von 2  bis 3 Jahren, die zum Abitur führt. Den Gymnasien damals die 10.Klasse wegzunehmen war aus heutiger Sicht bildungspolitisch falsch, denn damit kamen viele verschiedene Änderungen zusammen – übrigens auch für die vielen Nicht-Gymnasien! So müssen Schülerinnen und Schüler an Gymnasien, die in der 5.Klasse mit der ersten Fremdsprache beginnen, bereits zu Beginn der 6.Klasse die zweite Fremdsprache wählen. An den anderen weiterbildenden Schulformen ist dies ebenfalls der Fall, nur hier kann anstatt einer Fremdsprache zum Glück auch ein anderes Hauptfach wie Naturwissenschaften, Technik oder Darstellen und Gestalten angewählt werden. Zum zweiten ist die die Durchlässigkeit im System nicht vollständig gegeben: Vom Gymnasium kann problemlos auf andere Schulformen gewechselt werden, von anderen Schulformen auf das Gymnasium dagegen nur mit Wiederholung eines Schuljahres. Des Weiteren ist der Umstand, das die Sekundarstufe I am Gymnasium bereits in der 9.Klasse endet, die Schulpflicht sowie die Vergabe eines Abschlusses dagegen erfolgt erst am Ende der Klasse 10 und damit im ersten Jahr der Oberstufe. Es lassen sich noch weitere Probleme mit G8 aufzählen, ich verkneife mir dies bewußt!

Daher war ich positiv gestimmt, als die Initiative „G9 jetzt“ zum 05.01.2017 ein Volksbegehren zum Wechsel auf G9 auf den Weg gebracht hat. Bei genauerer Betrachtung des vorgeschlagenen Gesetzestextes jedoch lassen sich eklatante Verschlechterungen für die Schullandschaft der Sekundarstufe I zu Gunsten der Gymnasien erkennen.

Der von der Initiative vorgeschlagene Gesetzesvorschlag enthält neben der Forderung, die Schulzeit sowie damit die Unterrichtszeit in der Sekundarstufe I des Gymnasiums von 168 auf 180 Jahreswochenstunden zu erhöhen, auch eine Kürzung an Hauptschulen, Realschulen, Gesamtschulen, Gemeinschaftsschulen, Sekundarschulen und Primusschulen von zum Teil 188 auf ebenfalls 180 Jahreswochenstunden.

Die Ausweitung der Stundentafel des Gymnasiums und Verteilung auf sechs Schuljahre hätte gemäß Initiative zu Folge, dass mehr Lehrerstellen notwendig sind. Diese Lehrerstellen will die G9-Initiative dadurch erwirtschaften, dass an allen anderen Schulformen weniger Unterrichtsstunden erteilt werden sollen.

Von dieser Kürzung sind vor allem die so genannten Ergänzungsstunden sowie die Stunden des Ganztages betroffen. Diese dienen insbesondere der individuellen Förderung und haben sich an den Schulen etabliert! Des Weiteren könnte dieser Gesetzestext mit dazu beitragen, den pädagogischen Ganztag in NRW abzuschaffen! Die Initiative fordert auch ein Gymnasium ohne Nachmittagsunterricht, sorgt mit der Gesetzesinitiative jedoch für eine flächendeckende Abschaffung der Schule bis 16 Uhr!

Dies kann ich persönlich nicht mittragen! Gerade die individuelle Förderung sowie der Ganztagsbetrieb sorgt dafür, das es eine Chancengerechtigkeit für Kinder aus bidungsfernen oder finanziell schwach gestellten Familien gibt! Auch berufstätige Erziehungsberechtigte wünschen sich eine adäquate schulische Versorgung bis in den Nachmittag, weshalb die Anzahl der Ganztagsschulen in den letzten 10 Jahren kontinuierlich gestiegen sind!

Hinzu kommt im Volksbegehren der Initiative „G9 jetzt“ auch eine in der Sekundarstufe II beabsichtigte Stundenreduktion in drei Oberstufenjahren auf maximal 90 Jahreswochenstunden, damit „die Zahl der Grundkurse auf ein sinnvolles Maß“ zurückgeführt werden. Auch diesen Reformpunkt lehnen ich strikt ab, da so letztendlich die Wahlfreiheit der Schülerinnen und Schüler in der Oberstufe massiv eingeschränkt wird. Aktuell können diese in der Einführungsphase der Oberstufe sowie im ersten Jahr der Qualifikationsphase bis zu zwei Kurse mehr anwählen, um sich verschiedene Möglichkeiten in der Abiturprüfung offen zu halten. Laut Volksbegehren würde dieses Vorgehen unterbunden, Lernende schon vor Eintritt in die gymnasiale Oberstufe auf ihren Fächerkanon festgelegt! Ein Ausprobieren oder Kennenlernen von Unterrichtsfächer in der SII wäre vorbei! Das geht am Schülerinteresse vorbei!

Es gibt ja viel berechtigte Kritik an dem G8-Abitur der Gymnasien, man kann natürlich auch eine Rückkehr zum neunjährigen Abitur fordern. Aber die Vorgehensweise der G9-Initiatoren, den Gymnasiasten auf Kosten aller anderen Schüler zum G9 zu verhelfen, ist mehr als fragwürdig.

Wer für Chancengerechtigkeit ist, kann dieses Volksbegehren nicht unterstützen. Ich bin für die Rücknahme der Schulzeitverkürzung am Gymnasiun, jedoch nicht zu Lasten aller anderen Schulformen, die sich als gute Alternative zum Gymnasium entwickelt haben!

Daher werde ich das Volksbegehren der Initiative „G9 jetzt“ definitiv nicht mit meiner Unterschrift unterstützen!

 

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